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Stellungnahme zum Artikel: Dekubitusbehandlung im Alten Ägypten und warum gibt es Dekubitus noch?

Aktualisiert: 19. Nov. 2023




Der Artikel Warum gibt es immer noch Dekubitus? beleuchtet ein entscheidendes und oft übersehenes Problem in der Pflege (Artikel hier lesen). Diese Stellungnahme bietet eine detaillierte Analyse der Ursachen, Diagnoseprobleme und der aktuellen Situation im Umgang mit Dekubitus.





Historische Perspektive und aktuelle Relevanz


Die Behandlung von Dekubitus hat eine lange und facettenreiche Geschichte. Besonders interessant ist die Betrachtung der Methoden im alten Ägypten. Ägyptische Ärzte waren Experten in der Kunst und Wissenschaft der Wundheilung, wie die Untersuchung des Smith-Papyrus, eines der ältesten medizinischen Texte, zeigt. Dieses alte Wissen legt nahe, dass die Ägypter bereits fortgeschrittene Techniken zur Behandlung von Wunden, einschließlich Druckgeschwüren, entwickelt hatten.


Das Smith-Papyrus, auch bekannt als Edwin Smith Papyrus, ist einer der ältesten bekannten medizinischen Texte. Es stammt aus dem alten Ägypten, etwa aus dem 16. Jahrhundert v. Chr. Der Papyrus ist nach Edwin Smith benannt, einem Ägyptologen, der das Dokument im Jahr 1862 erwarb. Der Text ist besonders für seine detaillierten Beschreibungen chirurgischer Fälle und Behandlungen bekannt (Van Middendorp et al., 2010).


Im Laufe der Jahrhunderte wurden verschiedene Ansätze zur Behandlung und Prävention entwickelt. Von den rudimentären Methoden der Antike bis hin zu den aufwendigen Pflegetechniken der Neuzeit hat sich das Verständnis und die Behandlung von Dekubitus stetig weiterentwickelt.


Praktische Behandlungsmethoden der letzten Jahrzehnte


In der historischen Betrachtung der Dekubitusbehandlung fällt auf, wie sehr sich die Praktiken verändert haben. Noch vor einigen Jahrzehnten waren Methoden wie das Vereisen oder Fönen von Druckgeschwüren gängige Praktiken. Diese Ansätze basierten auf dem damaligen Verständnis von Durchblutung und Wundheilung. Das Vereisen sollte beispielsweise die Schwellung reduzieren und Entzündungen hemmen, während das Fönen zur Trocknung der Wunde und Verbesserung der Durchblutung eingesetzt wurde. Heute wissen wir, dass solche Methoden nicht effektiv sind und sogar schädlich sein können. Sie wurden durch evidenzbasierte Praktiken ersetzt, die auf Druckentlastung, Hautpflege und einer verbesserten Ernährung der Patienten basieren. Diese Entwicklung verdeutlicht, wie wichtig fortlaufende Forschung und Anpassung der Behandlungsmethoden im Gesundheitswesen sind.


Qualifiziertes Personal – Ein Schlüsselfaktor


Die Rolle qualifizierten Personals in der Prävention und Behandlung von Dekubitus ist von entscheidender Bedeutung. Eine eingehende Analyse in der Studie "Factors Involved in Missed Nursing Care" zeigt, dass die Angemessenheit des Personals ein Hauptfaktor für verpasste Pflege (Missed Nursing Care, MNC) ist. Es wird deutlich, dass nicht nur die Anzahl, sondern auch die Qualifikation des Pflegepersonals entscheidend für die Qualität der Pflegeleistungen ist.


Ein kürzlich erschienener Artikel betont, dass eine Personalaufstockung allein nicht automatisch zu einer Reduktion von Dekubitusfällen führt. Dies unterstreicht die Notwendigkeit von spezifischem Fachwissen und Kompetenzen im Bereich der Dekubituspflege. Die Studie ergänzt diesen Punkt, indem sie hervorhebt, dass Arbeitsbelastung, Ausbildungsniveau und die Erfahrung des Pflegepersonals ebenfalls entscheidende Faktoren sind.


Besonders relevant sind erweiterte Kompetenzen in spezialisierten Gebieten wie der Behandlung diabetischer Stoffwechsellagen, chronischer Wunden und Demenz, sowie Kenntnisse über die richtige Anwendung von Hilfsmitteln. Gesundheitsminister Lauterbachs Plan, die pflegerischen Kompetenzen ab 2025 zu erweitern, ist ein positiver Schritt. Es bleibt jedoch die Frage, ob diese Maßnahmen die hohe Fehlerquote in der Pflege signifikant senken können, insbesondere bei der Behandlung von Dekubitus, wo laut der Statistik des Medizinischen Dienstes des Jahres 2022 in 62,4 % der 834 untersuchten Fälle ein Pflegefehler festgestellt wurde.


Die Studie unterstreicht, dass die Qualität der Pflege nicht nur von der Quantität des Personals abhängt, sondern auch von dessen Qualifikation und Fähigkeit, adäquat auf die Bedürfnisse der Patienten einzugehen. Die eigenverantwortliche Anwendung von Hilfsmitteln durch das Pflegepersonal ist ein wichtiger Schritt, jedoch ist es entscheidend, dass das Personal nicht nur die nötigen Hilfsmittel zur Verfügung hat, sondern auch das erforderliche Wissen und die Fähigkeiten besitzt, diese effektiv einzusetzen.


Zusammenfassend lässt sich sagen, dass qualifiziertes Personal ein entscheidender Faktor in der Prävention und Behandlung von Dekubitus ist. Eine Kombination aus erhöhter Personalanzahl, verstärkter Aus- und Weiterbildung des Pflegepersonals sowie die Bereitstellung und korrekte Anwendung von Hilfsmitteln stehen im Fokus, um die Pflegequalität zu verbessern und die Fehlerquote zu reduzieren.


Hilfsmittel: Nutzung und Herausforderungen


Es gibt eine Vielzahl von verfügbaren Hilfsmitteln gegen Dekubitus, deren Einsatz jedoch oft fehlerhaft oder verspätet erfolgt. Der Artikel weist darauf hin, dass es zu wenige klinische Studien gibt, die eine fundierte Auswahl dieser Hilfsmittel unterstützen. Allerdings gibt auch der Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege deutliche Hinweise auf entsprechende Hilfsmittel (Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege, 2017, ab S. 74).


Technologische Innovationen


Der Artikel stellt die Frage, ob technische Innovationen wie "intelligente Matratzen" das Pflegepersonal ersetzen können. Diese Technologien können unterstützend wirken, erfordern aber immer noch die Überwachung und korrekte Anwendung durch qualifiziertes Personal.


Forschungsstand zu Hilfsmitteln bei Dekubitus


Ein verbreiteter Irrglaube ist, dass es an Forschung zur Auswahl passender Hilfsmittel bei der Behandlung von Dekubitus mangelt. Tatsächlich existiert eine beträchtliche Anzahl an systematischen Übersichten und Studien zu diesem Thema (Pressoir et al., 2010). Eine umfangreiche Übersichtsarbeit, die systematische Reviews und Studien zusammenfasst, zeigt, dass es viele Interventionen zur Prävention und Behandlung von Druckgeschwüren gibt (Atkinson & Cullum, 2018). Diese umfassen unter anderem spezielle Matratzen und Kissen zur Druckumverteilung sowie verschiedene Wundauflagen. Allerdings wird in dieser Übersicht auch betont, dass die Wirksamkeit vieler dieser Interventionen, insbesondere für Menschen mit Rückenmarksverletzungen, noch ungewiss ist. Dies deutet darauf hin, dass weitere Forschung erforderlich ist, um die Effektivität spezifischer Maßnahmen für bestimmte Patientengruppen zu bestimmen.


Zukunftsaussichten und berufspolitischer Handlungsbedarf


Die Prognose für die Zukunft ist aufgrund der steigenden Zahl schwerkranker Patienten und des Personalmangels düster. Der Artikel fordert dringenden Handlungsbedarf, um die Qualität der Pflege aufrechtzuerhalten und Pflegekräfte nicht zu überfordern.


Schlussfolgerung


Auch der Artikel Warum gibt es immer noch Dekubitus? bietet wertvolle Einblicke und unterstreicht die Notwendigkeit, sowohl in der Pflegeausbildung als auch in der klinischen Praxis stärker auf das Thema Dekubitus einzugehen. Es wird deutlich, dass eine Kombination aus qualifiziertem Personal, korrekter Diagnostik und dem Einsatz geeigneter Hilfsmittel unerlässlich ist, um Dekubitus effektiv zu begegnen.


Diskussion:


Welche Erfahrungen haben Sie mit der Prävention und Behandlung von Dekubitus gemacht? Welche Herausforderungen sehen Sie in Ihrer täglichen Praxis, und wie gehen Sie diese an?



Ganz liebe Grüße und bleibt gesund


Schwester Eva






Literaturverzeichnis:


Atkinson, R. A., & Cullum, N. A. (2018). Interventions for pressure ulcers: A summary of evidence for prevention and treatment. Spinal Cord, 56(3), 186–198. https://doi.org/10.1038/s41393-017-0054-y


Behandlungsfehler-Begutachtung der Gemeinschaft der Medizinischen Dienste Jahresstatistik 2022; https://mdbund.de/fileadmin/dokumente/Pressemitteilungen/2023/2023_08_17/PK_BHF_2022_Jahresstatistik.pdf


Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege, D. (Hrsg.). (2017). Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege (2. Aktualisierung 2017). Hochschule Osnabrück, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. https://www.dnqp.de/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Expertenstandards/Dekubitusprophylaxe_in_der_Pflege/Dekubitus_2Akt_Auszug.pdf

Van Middendorp, J. J., Sanchez, G. M., & Burridge, A. L. (2010). The Edwin Smith papyrus: A clinical reappraisal of the oldest known document on spinal injuries. European Spine Journal, 19(11), 1815–1823. https://doi.org/10.1007/s00586-010-1523-6


Pressoir, M., Desné, S., Berchery, D., Rossignol, G., Poiree, B., Meslier, M., Traversier, S., Vittot, M., Simon, M., Gekiere, J. P., Meuric, J., Serot, F., Falewee, M. N., Rodrigues, I., Senesse, P., Vasson, M. P., Chelle, F., Maget, B., Antoun, S., & Bachmann, P. (2010). Prevalence, risk factors and clinical implications of malnutrition in French Comprehensive Cancer Centres. British Journal of Cancer, 102(6), 966–971. https://doi.org/10.1038/sj.bjc.6605578




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