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Zwischen Erschöpfung und Aufbruch: Warum 2026 das Jahr eures Feierabends wird

  • Autorenbild: Schwester Eva - Pflegeexpertin
    Schwester Eva - Pflegeexpertin
  • 2. Dez. 2025
  • 7 Min. Lesezeit

Ein persönlicher Jahresabschluss und ein Versprechen für das neue Jahr




Die Stille zwischen den Jahren


Der Dezember hat diese ganz eigene Qualität. Die letzten Dienste sind geschrieben, in den Stationszimmern tauchen vereinzelt Keksteller auf, und zwischen Hektik und Weihnachtsdeko kehrt langsam diese seltsame Stille „zwischen den Jahren" ein.


Es ist die Zeit, in der das System Pflege kurz Luft holt. Und ich hoffe, ihr auch.

Wenn ich hier an meinem Schreibtisch sitze und auf das Jahr 2025 zurückblicke – auf die Videos, die wir gemacht haben, und vor allem auf die tausenden Kommentare, die ihr geschrieben habt – dann empfinde ich vor allem zwei Dinge.


Das erste ist eine tiefe Dankbarkeit. Danke, dass ihr diesen Kanal zu dem gemacht habt, was er ist: Eine Gemeinschaft von Fachkräften, die ihren Beruf nicht einfach nur „machen", sondern ihn verstehen wollen. Euer Anspruch an euch selbst beeindruckt mich immer wieder.

Aber da ist noch ein zweites Gefühl, das ich nicht ignorieren kann. Wenn ich zwischen den Zeilen eurer Nachrichten lese, spüre ich es ganz deutlich:


Eine tiefe, bleierne Erschöpfung.


Die Diagnose: Wenn das „Muss" das „Wollen" erdrückt


2025 war, machen wir uns nichts vor, wieder ein Jahr am Limit. Personalmangel ist kein Buzzword mehr, es ist der Normalzustand geworden. Die Anforderungen steigen, die Zeitfenster schrumpfen, und die Schere zwischen dem, was sein sollte, und dem, was möglich ist, klafft immer weiter auseinander.


Und mitten drin steht ihr. Ihr wollt pflegen. Ihr wollt für die Menschen da sein. Das ist der Grund, warum ihr diesen Beruf gewählt habt. Nicht wegen des Geldes – das wissen wir alle. Nicht wegen der Anerkennung – die kommt selten genug. Sondern weil da in euch etwas ist, das sich zuständig fühlt. Das helfen will. Das Würde bewahren will, auch wenn das System alles dafür tut, diese Würde zu zermalmen.


Aber dann ist da diese andere Seite. Der Computer, der euch am Ende einer harten Schicht vorwurfsvoll anblinkt. Die Aktenberge. Die Angst vor dem MDK. Die Sorge, ein falsches Wort zu dokumentieren und dafür haftbar gemacht zu werden. Die innere Stimme, die flüstert: „Hast du auch wirklich alles dokumentiert? Warst du präzise genug? Wird man dir glauben, wenn etwas passiert?"


Diese Stimme ist laut geworden. Zu laut.



Das Paradox der Professionalisierung


Wir haben in diesem Jahr sehr viel über das „Warum" gesprochen. Wir haben Expertenstandards seziert, Risikomatrizen analysiert, die juristischen Hintergründe beleuchtet und die Logik hinter den Anforderungen offengelegt. Das war wichtig. Denn Fachlichkeit ist unser Fundament. Ohne Verständnis für die Zusammenhänge bleiben wir Spielball eines Systems, das wir nicht durchschauen.


Aber ich habe in den letzten Monaten etwas gemerkt, das mich nachdenklich gemacht hat:


Das Wissen um das „Warum" allein hilft euch nicht, wenn euch um 14:30 Uhr die Kraft fehlt, das „Wie" umzusetzen.


Wissen ist Macht, heißt es. Aber im aktuellen Pflegealltag ist Wissen manchmal auch eine Last. Weil man weiß, wie es sein müsste, aber keine Zeit hat, es so zu machen. Weil man die Standards kennt, aber nicht die Ressourcen hat, sie umzusetzen. Weil man versteht, was rechtlich geboten wäre, aber zwischen Rufanlage, Medikamentengabe und Essenausgabe keine Luft mehr bleibt, es auch so zu dokumentieren.


Das ist kein individuelles Versagen. Das ist systemische Überlastung.


Und diese Überlastung frisst an euch. Sie frisst an eurer Freude am Beruf. Sie frisst an eurer Gesundheit. Sie frisst an dem, was ihr eigentlich seid: Fachkräfte mit Herz und Verstand.



Was ihr mir geschrieben habt


Lasst mich ehrlich sein: Eure Kommentare haben mich dieses Jahr manchmal verzweifelt gemacht.

Nicht, weil sie schlecht waren. Im Gegenteil. Sie waren so präzise, so reflektiert, so fachlich fundiert. Aber zwischen den Zeilen stand immer wieder derselbe Satz:

„Ich weiß jetzt, wie es sein müsste. Aber ich schaffe es trotzdem nicht."

Eine Altenpflegerin schrieb mir: „Ich verstehe jetzt, warum die Sturzrisikoeinschätzung so wichtig ist. Aber ich habe keine 15 Minuten, um sie ordentlich auszufüllen. Also mache ich es halbherzig, und dann habe ich ein schlechtes Gewissen. Oder ich lasse es ganz, und dann habe ich Angst."


Ein Gesundheits- und Krankenpfleger schrieb: „Deine Videos haben mir geholfen, die Logik hinter der Dokumentation zu verstehen. Aber meine Schichtleitung interessiert das nicht. Die will, dass ich schnell fertig werde. Also schreibe ich irgendwas. Hauptsache, das Feld ist voll."


Und eine Pflegedienstleitung schrieb mir – und das hat mich besonders getroffen: „Ich weiß, was meine Mitarbeiter bräuchten. Ich weiß, wie es fachlich richtig wäre. Aber ich habe weder die Zeit noch die Ressourcen, es zu ermöglichen. Ich bin selbst nur noch am Verwalten der Katastrophe."

Das ist nicht mehr Pflege. Das ist Überlebensmodus.



Mein Vorsatz für 2026: Vom Dozieren zum Entlasten


Diese Nachrichten haben mich wachgerüttelt. Sie haben mich gezwungen, eine unbequeme Frage zu stellen:


Was bringt all mein Wissen, wenn es euch nicht wirklich hilft?


Was nützt es, dass ich euch erkläre, warum der Expertenstandard Dekubitusprophylaxe so aufgebaut ist, wenn ihr am Ende der Schicht trotzdem nur noch „Lagerung durchgeführt" in die Dokumentation tippt, weil für mehr keine Zeit bleibt?


Was nützt es, dass ich euch die rechtliche Bedeutung der Pflegeplanung erkläre, wenn ihr wisst, dass eure Planung seit drei Monaten nicht aktualisiert wurde, weil schlicht niemand da ist, der es machen könnte?


Ich habe eine Entscheidung getroffen.


„Die Pflegeexpertin" wird sich 2026 verändern.


Keine Sorge – wir werden nicht oberflächlich. Mein Anspruch an fachliche Korrektheit bleibt bei 100 Prozent. Aber ich verschiebe den Fokus.


Wir wechseln vom Modus „Akademisches Verstehen" in den Modus „Pragmatisches Funktionieren".

Mein Ziel für das kommende Jahr ist es nicht mehr nur, euch zu erklären, warum die Dinge so kompliziert sind. Mein Ziel ist es, euch Werkzeuge an die Hand zu geben, die diese Komplexität für euch managen.



Die Vision: Dokumentation als Algorithmus, nicht als Roman


Ich arbeite im Hintergrund gerade intensiv an neuen Konzepten. Ich nenne es intern gerne „Die Matrix". Nicht, weil es dystopisch wäre, sondern weil es darum geht, das System hinter dem System zu erkennen – und es für euch nutzbar zu machen.


Die Idee dahinter ist simpel:


Professionelle Pflegedokumentation sollte keine kreative Schreibübung sein, die euch jeden Tag aufs Neue Kraft kostet. Sie sollte ein logischer, fast automatischer Prozess sein.


Wenn man das System einmal wirklich verstanden hat – den zugrundeliegenden Algorithmus –, dann muss man nicht mehr nach Worten suchen. Man weiß genau, welche drei Sätze man schreiben muss, um einen Sturz rechtssicher zu dokumentieren. Man weiß, welche Adjektive verboten sind und durch welche Fakten man sie ersetzt. Man weiß, welche Struktur eine Pflegeplanung haben muss, um juristisch standzuhalten – und welche Floskeln man weglassen kann, weil sie nur Platz verschwenden.


Wer das System kennt, schreibt nicht mehr. Er funktioniert.


Das klingt unromantisch? Gut. Denn Romantik hat in der Dokumentation nichts verloren. Dort brauchen wir Präzision und Geschwindigkeit.


Warum „Algorithmus" kein Schimpfwort ist


Ich weiß, dass manche von euch jetzt innerlich zusammenzucken. „Algorithmus" klingt kalt. Technisch. Unmenschlich.

Aber das ist es nicht.


Ein Algorithmus ist nichts anderes als eine klare Handlungsanweisung für wiederkehrende Situationen. Und genau das braucht ihr. Nicht, weil ihr faul wärt. Sondern weil euer Kopf bereits mit hundert anderen Dingen voll ist.


Stellt euch vor, ihr müsstet jedes Mal, wenn ihr Auto fahrt, neu überlegen: „Wie funktioniert nochmal das Anfahren? Kupplung, Gas, Bremse – in welcher Reihenfolge?" Ihr würdet keinen Meter fahren. Aber weil ihr es irgendwann automatisiert habt, könnt ihr euch auf den Verkehr konzentrieren.

Genau das will ich für eure Dokumentation erreichen.


Automatisierung der Form, damit Raum bleibt für den Inhalt.


Struktur ist die höchste Form der Fürsorge


Viele engagierte Pflegekräfte glauben, dass es „geschummelt" ist, wenn man es sich einfach macht. Dass man ein schlechter Pfleger ist, wenn man Textbausteine oder feste Strukturen nutzt.


Diesen Glaubenssatz möchte ich 2026 mit euch gemeinsam beerdigen.


Struktur ist kein Schummeln. Struktur ist Selbstschutz.


Und mehr noch: Struktur ist Fürsorge.


Denn jede Minute, die ihr nicht grübelnd vor dem PC verbringt, ist eine Minute, die ihr mehr am Bett des Bewohners verbringen könnt. Oder – und das ist genauso wichtig – eine Minute, die ihr früher im Feierabend seid, um eure eigenen Akkus aufzuladen.


Fürsorge für andere beginnt mit Fürsorge für sich selbst. Und Fürsorge für sich selbst beginnt damit, dass man aufhört, sich selbst zu opfern für ein System, das einen sonst auffrisst.


Die Lüge vom „individuellen Text"


Es gibt diese romantische Vorstellung, dass jede Pflegedokumentation ein individuelles Kunstwerk sein müsse. Dass man jedem Bewohner „gerecht wird", indem man jeden Tag aufs Neue kreativ formuliert.


Das ist Unsinn.


Bewohner werden nicht dadurch individuell behandelt, dass man ihre Dokumentation poetisch ausformuliert. Sie werden individuell behandelt, indem man ihnen Zeit schenkt. Indem man zuhört. Indem man präsent ist.


Die Dokumentation ist kein Liebesbrief. Sie ist ein juristisches Beweismittel. Und als solches muss sie funktionieren – schnell, präzise, rechtssicher.


Wenn ihr lernt, eure Dokumentation in drei Sätzen zu erledigen statt in drei Absätzen, dann ist das kein Qualitätsverlust. Das ist Effizienzgewinn. Und dieser Gewinn kommt den Menschen zugute, für die ihr eigentlich da seid.


Was 2026 konkret passieren wird


Ich will nicht nur philosophieren. Ich will liefern.

Deshalb arbeite ich gerade an mehreren konkreten Formaten, die euch 2026 zur Verfügung stehen werden:


1. Die Dokumentations-Matrix


Ein System, das euch für jede gängige Pflegesituation die rechtssichere Mindestdokumentation liefert. Sturz? Drei Sätze. Dekubitus? Fünf Sätze. Medikamentenfehler? Vier Sätze. Fertig.

Keine langen Erklärungen. Keine theoretischen Exkurse. Nur: „In dieser Situation schreibst du das. Punkt."


2. Die Feierabend-Formel


Ein Schritt-für-Schritt-System, wie ihr eure Dokumentation so strukturiert, dass sie euch nicht mehr überrollt. Wie ihr Prioritäten setzt. Wie ihr erkennt, was wirklich dokumentiert werden muss – und was nur Ballast ist.


3. Die Risiko-Checklisten


Kompakte, druckbare Checklisten für die häufigsten Risikosituationen. Damit ihr nicht mehr im Kopf durchgehen müsst, ob ihr auch wirklich alles bedacht habt. Die Checkliste macht das für euch.


4. Live-Workshops (online)


Ich plane, 2026 regelmäßig interaktive Online-Workshops anzubieten, in denen wir gemeinsam reale Fälle durchgehen. Ihr bringt eure Dokumentations-Alpträume mit, und wir zerlegen sie gemeinsam – bis sie handhabbar sind.


Ein Ausblick (und ein Wunsch)


Ich freue mich riesig darauf, euch im neuen Jahr zu zeigen, woran ich arbeite. Es wird konkreter werden. Es wird praktischer werden. Es wird „Abkürzungen" geben, die fachlich sauber sind, euch aber den Kopf freihalten.


Aber das ist alles Zukunftsmusik. Das ist 2026.


Jetzt ist Dezember 2025.



Und mein einziger Wunsch für euch für die kommenden Tage ist, dass ihr es schafft, den inneren Rufbereitschafts-Modus auszuschalten.


Die Arbeit läuft nicht weg. Die Standards laufen nicht weg. Aber eure Gesundheit, die ist flüchtig. Eure Kraft ist endlich. Und euer Recht auf Erholung ist nicht verhandelbar – auch wenn das System euch das Gegenteil einreden will.


Passt auf euch auf. Esst gut, schlaft viel, und erlaubt euch, auch mal nicht perfekt zu sein.


Ihr seid genug. Auch ohne Überstunden. Auch ohne schlechtes Gewissen.


Danke für euer Vertrauen in diesem Jahr. Danke für eure Offenheit. Danke dafür, dass ihr diesen Kanal zu dem gemacht habt, was er ist.


Wir sehen uns „auf der anderen Seite" – mit frischer Energie und einem klaren Plan für mehr Feierabend.


Eure Schwester Eva

 
 
 

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